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Interkulturelle Anpassung und Karriere-Dilemma


Rumi Hasegawa, interkulturelle Trainerin und Coach

Wie Sie den Schalter umlegen, ohne Ihren Kern zu verändern


In der vergangenen Woche habe ich bei einer Besprechung mit meinen deutschen Geschäftspartnern ein kleines Experiment gewagt: Ich habe bewusst Fragen und eigene Ansichten eingeworfen, noch bevor mein Gegenüber zu Ende gesprochen hatte.


Den japanischen „Schalter“, geduldig bis zum Ende zuzuhören, habe ich für einen Moment auf „Aus“ gestellt.


Das Ergebnis war eine überraschend dynamische und produktive Diskussion.


Dabei habe ich nicht etwa mein Wesen verändert. Ich habe lediglich den Schalter umgelegt.


Bis ich diese Leichtigkeit im „Umschalten“ fand, war es ein langer Weg voller innerer Konflikte. Wer als Japaner in Deutschland oder anderen westlichen Ländern lebt, stößt früher oder hart auf eines der schwierigsten Themen: die Selbstbehauptung.


Wer in Meetings seine Meinung nicht sagt, wird oft als „nicht existent“ oder desinteressiert wahrgenommen. In diesem Umfeld wirken die japanischen Tugenden wie das aktive Zuhören plötzlich wie eine Last.


Muss man also das eigene japanische „Betriebssystem“ (OS) löschen, um sich erfolgreich zu behaupten?


Die Antwort lautet: Nein.


Ich habe mich bisher in vier verschiedenen Welten bewegt: Japan und Deutschland sowie der öffentliche Sektor (Außenministerium) und die Privatwirtschaft. Jede dieser Welten hat ihr eigenes „Betriebssystem“.


In der Diplomatie wiegt jedes Wort schwer; man verhandelt oft stundenlang über eine einzelne Formulierung, um einen „dritten Weg“ und einen Konsens zu finden. In der Wirtschaft hingegen zählen Geschwindigkeit und Effizienz, um Kundenbedürfnisse zu erfüllen und Gewinne zu erwirtschaften.


Früher dachte ich, ich müsse mein altes Betriebssystem bei jedem Wechsel komplett überschreiben. Aber das war ein Irrtum. Die Verhandlungskompetenz aus der Diplomatie ist in der Wirtschaft Gold wert. Die Gabe, feine kulturelle Nuancen wahrzunehmen, ist im direkten Kundenkontakt ein entscheidender Vorteil.


Was wir brauchen, ist keine Wahl zwischen A oder B. Es geht darum zu entscheiden, welche „Schubladen“ wir aus unseren Erfahrungen füllen und wann wir welche davon öffnen. Es ist schwer, sich als ganzer Mensch zu ändern – aber es ist einfach, eine einzelne Handlung zu ändern. Solche kleinen Verhaltensänderungen werden mit der Zeit zu wertvollen Ressourcen, die uns in schwierigen Momenten unterstützen.


Ich schätze mein „japanisches OS“ – den Respekt vor Harmonie

und das aufmerksame Zuhören – nach wie vor sehr. Es bleibt mein innerer Kern. Ich habe lediglich gelernt, in bestimmten Situationen eine andere Schublade zu öffnen.


Karriere zu machen, bedeutet nicht, das alte Ich wegzuwerfen und ständig gegen eine neue Version zu ersetzen. Vergangene Erfahrungen – für mich die Diplomatie und die Prägung in Japan – sind ein bleibender Schatz. Indem wir neues Wissen aus anderen Kulturen und Umgebungen „hinzufügen“, erweitern wir unser Repertoire an Lösungen und werden als Persönlichkeit reicher.


Heute stelle ich mich meiner fünften Welt: Als interkulturelle Trainerin und Coach nutze ich all diese Schubladen – die diplomatische Vermittlungskompetenz, die wirtschaftliche Effizienz, die japanische Präzision und die deutsche Direktheit sowie Eigenständigkeit – für meine Klienten.


Ich unterstütze Unternehmen dabei, Konflikte in interkulturellen Teams zu lösen und binationale Projekte zum Erfolg zu führen. Einzelpersonen helfe ich dabei, ihre innere Zerrissenheit im Ausland zu ordnen und mutig den nächsten Schritt zu gehen.


Dieses fünfte Betriebssystem ist anders als alles zuvor. Aber es ist der Ort, an dem alle meine bisherigen Erfahrungen endlich zusammenfließen.


*Dieser Artikel basiert auf meinem Vortrag im Rahmen des DJW-Webinars am 15. Juli, organisiert vom Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreis (DJW).

 
 
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