Sich selbst besser verstehen, um in Deutschland „authentisch“ zu leben
- Rumi Hasegawa
- 7. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Jan.
Interkulturelles Coaching für Menschen mit japanischem und asiatischem Hintergrund
Eine der großen Herausforderungen für viele Japaner:innen in Deutschland ist das Thema „gesunde Selbstbehauptung“. Im Berufsleben wie auch im Alltag fühlen sich nicht wenige von der Deutlichkeit und Stärke der deutschen Selbstbehauptung verunsichert. Dahinter stehen oft tief verwurzelte Unterschiede in der Art und Weise, wie wir unser Selbstverständnis und unsere Identität entwickeln.
Wir Japaner:innen lernen schon früh, unseren Platz innerhalb einer Gruppe zu finden. In Schule, Familie, Freundeskreis und am Arbeitsplatz bewegen wir uns in verschiedenen Gemeinschaften und lernen, unseren eigenen Raum zu gestalten, während wir gleichzeitig Rücksicht auf andere nehmen.
Mit anderen Worten: Unser Selbst bildet und definiert sich ganz wesentlich über Beziehungen zu anderen. Viele Menschen sind sehr sensibel für die Gefühle ihres Gegenübers, nehmen die eigenen Gefühle jedoch eher nebenbei oder kaum wahr. In der japanischen Gesellschaft gibt es nicht viele Gelegenheiten, sich selbst besser kennenzulernen und die eigene Identität aktiv zu formen.

Was passiert, wenn man in diesem Zustand nach Deutschland kommt? Plötzlich fehlt das vertraute „Umfeld“, das einen bislang mit-definiert hat. Das kann sich anfühlen, als würde das eigene innere Fundament ins Wanken geraten. In Deutschland ist die Vorstellung stark verankert, dass „man sich selbst formt“. Deshalb erleben gerade viele Menschen aus Asien hier ein intensives Gefühl der Einsamkeit. Es ist selten, dass sich jemand von selbst „kümmernd“ einschaltet, und weil es schwieriger wird, sich über Beziehungen zu definieren, entsteht schnell das Gefühl, „irgendwie zurückzubleiben“.
Wie man arbeitet, ist ein typisches Beispiel. In Deutschland wird erwartet, dass man die eigenen Fähigkeiten und Stärken kennt und in der Lage ist, Aufgaben und Projekte eigenständig zu strukturieren und voranzubringen. In Japan und Ostasien hingegen werden Aufgaben häufig von oben vorgegeben, und viele sammeln nur begrenzt Erfahrung darin, Arbeit selbst zu „schaffen“ oder zu definieren.
Wenn das eigene Selbstverständnis noch nicht ausreichend entwickelt ist, wird auch eine gesunde Form der Selbstbehauptung schwierig. Was will ich? Was fühle ich? Was mag ich wirklich? Wenn das unklar bleibt, ist es schwer zu erkennen, was genau in einer fremden Kultur Stress verursacht oder zum Stolperstein wird – und es ist wahrscheinlicher, dass man im Ausland mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen hat.
In meinem Umfeld gibt es viele Japaner:innen und andere Menschen aus Asien, die mit Anpassungsschwierigkeiten ringen; einige von ihnen geraten sogar in einen depressiven Zustand. In solchen Situationen leidet nicht nur die individuelle Leistungsfähigkeit, sondern oft auch die Performance des gesamten Teams. Am Ende kann das erhebliche negative Folgen für das Unternehmen oder die Organisation haben.
Selbstverständnis und Selbstbehauptung in einem interkulturellen Kontext sind selten eine Frage des „Charakters“ allein. Vielmehr hängen sie eng mit der Umgebung zusammen, in der man aufgewachsen ist, und mit den Kommunikationsstilen, die man erlernt hat.
Im interkulturellen Coaching geht es mir darum, Menschen mit japanischem oder asiatischem Hintergrund, die in Deutschland leben und arbeiten, dabei zu unterstützen, eine zu ihnen passende Form von Selbstverständnis und gesunder Selbstbehauptung zu finden. In einem gemeinsamen Dialog machen wir Erfahrungen und Gefühle sprachlich fassbar und ordnen sie Schritt für Schritt.


